Artikel für das Engelmagazin: Vertraue und wende dich dem Himmel zu

Von Manfred Mohr

Jeder von uns, der sich intensiver mit Spiritualität und persönlichem Wachstum beschäftigt, kennt Situationen, in der wir uns entscheiden müssen. Unser Lebensweg trifft dann auf eine Gabelung und wir müssen nun wählen, nach links oder nach rechts zu gehen. Oft sind wir dann zunächst unfähig und verweilen längere Zeit im Nachdenken, jedoch ohne eine befriedigende Antwort finden zu können. Wir treten daher auf der Stelle und bewegen uns nicht weiter. Aus der Angst heraus, etwas falsch zu machen, eine falsche Entscheidung zu treffen.

Jenseits von falsch und richtig liegt ein Garten. Dort werden wir uns treffen. (Rumi)

Das Neue, das uns zukünftig erwartet, ist uns noch unbekannt. Es liegt im Nebel der Zeit mit seinen unabwägbaren und vielfältigen Möglichkeiten. Unser Verstand kann hier nur mutmaßen und hat keinerlei wirkliche Entscheidungskriterien. Denn er kann nur aus den bereits gemachten Erfahrungen schöpfen, und die liegen nun einmal in der Vergangenheit. In die Zukunft gerichtet fehlen ihm einfach zu viele für ihn sichere Anhaltspunkte. Und das macht ihn unsicher.

Leben ist das, was passiert, während du dabei bist, andere Pläne zu machen. (John Lennon)

Jeder von uns wünscht sich doch insgeheim, sein Lebensweg möge einer sechsspurigen Autobahn gleichen, die ihn geradewegs und schnell zu seinem persönlichen Lebensziel führen möge. Die tatsächliche Erfahrung sieht jedoch zumeist recht gegenteilig aus. Der Lebensweg geht mal hoch und mal hinunter, ist voller Schlaglöcher und Bäumen, die uns immer wieder den Weg versperren. Manchmal könnten wir daran verzweifeln. Und doch, wir machen uns daran, tatkräftig die Schaufel in die Hand zu nehmen, um das Schlagloch aufzufüllen. Wir nutzen Axt und Säge, um den Baum aus dem Weg zu räumen. Nur, um dann später, rückblickend, überrascht feststellen zu können, wir haben eine Menge dabei gelernt. Wir können jetzt mit Schaufel und Säge umgehen. Und wir haben bei der Lösung des Problems auf unserem Lebensweg an innerer Stärke und Zuversicht gewonnen. Wir haben ein Potential in uns entdeckt, das vorher noch unsichtbar in uns geschlummert hat.

Starke Menschen habe nie eine einfache Vergangenheit.

Für mich scheint dieses Gleichnis vom holprigen und versperrten Lebensweg ein verstecktes Geheimnis für jeden von uns zu verbergen. Um uns selbst zu entdecken, in unseren Fähigkeiten und Möglichkeiten, braucht es bestimmte Herausforderungen. Zunächst erscheinen sie uns als Problem und wir wissen manchmal gar nicht weiter. Und dann beginnen wir zu tüfteln, probieren etwas aus. Nach einigen Fehlversuchen finden wir eine irgendwann annehmbare Lösung. Die unserer eigenen, ureigensten Art entspricht. Im Grunde müsste ich genauer an dieser Stelle schreiben, wir tüfteln an uns. Wir entdecken uns selbst bei der Herangehensweise an die Hindernisse, die uns das Leben schenkt.

Wer aufhört zu lernen, hört auf zu leben. (Albert Einstein)

Darum können wir mit Fug und Recht unser Leben als Abenteuer verstehen. Der Himmel und die unsichtbare Welt, die uns umgibt, schenken uns gewissermaßen Herausforderungen, um unser persönliches Wachstum zu fördern. Wir entdecken dabei in uns vorhandene Fähigkeiten, die uns erst bei der Lösung der Probleme bewusst werden. Sie erweitern danach unseren stetig größer werdenden persönlichen Werkzeugkasten, der uns danach immer zur Verfügung steht und der unser Vertrauen in uns stärkt.

Der Himmel schenkt uns nur solche Aufgaben, die für uns lösbar sind.

Mehr noch, der Himmel unterstützt uns außerdem beim Entdecken der vielfältigen Möglichkeiten, um ein Problem dann schließlich auf unsere Art zu lösen. Wenn wir beginnen, uns als spirituelle Wesen in einer tief mit uns verbundenen Welt zu verstehen, dann wächst mit dem aufkeimenden Vertrauen in uns auch ein stetig wachsendes Vertrauen in die unsichtbare Welt, in die Engel und die allumfassende Kraft, die wir Gott nennen.

Wahre und vollkommene Liebe soll man daran erkennen, ob man große Hoffnung und Zuversicht zu Gott hat. Denn es gibt nichts, woran man besser erkennen kann, ob man ganze Liebe habe, als Vertrauen. (Meister Eckhard)

Die gute Nachricht lautet deshalb: Du musst es nicht alleine tun! Dort, wo du mit deinem Wissen und deinen Möglichkeiten an Grenzen stößt, die unüberwindbar erscheinen, bring den Himmel ins Spiel. Wende dich an die höhere Macht, wie wir es im Gebet tun und stimme dich auf sie ein. Erbitte dir von dort Hilfe und Unterstützung. Und dann, geh deinen Lebensweg voller Vertrauen weiter und achte auf die Hinweise, die sich dir zeigen. Oder, so wie Rainer Maria Rilke es in seinem Brief an einen jungen Dichter empfahl, nimm deine Frage in dein Herz. Und liebe deine Frage:

Ich möchte dich inständig bitten, so sehr ich kann, die Fragen an sich zu lieben, so wie verschlossene Türen, so wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Suche jetzt nicht nach Antworten, die dir noch nicht gegeben werden können. Jetzt, lebe die Fragen. Vielleicht wirst du dann, eines Tages, ohne es zu merken, in die Antwort hineinwachsen.

Letztlich ist es egal, ob du Gott oder die Liebe deines Herzens um Mitwirkung bei der Lösung eines Problems oder der Beantwortung einer Frage bittest. In beiden Fällen weitest du dein Bewusstsein aus in ungeahnte neue Richtungen. Du bekommst damit eine genauere Vorstellung davon, wer du wirklich bist. Es tun sich dir plötzlich ganz neue Möglichkeiten auf. Und du eröffnest dir eine neue Weltsicht, die dich manchmal nur noch staunen lässt. Dein Vertrauen in Gott und die Liebe öffnet dir dann die Tore des Himmels, wo Wunder auf dich warten.

Wir sind keine menschlichen Wesen, die eine spirituelle Erfahrung suchen. Wir sind spirituelle Wesen, die eine menschliche Erfahrung machen. (Teilhard de Chardin)

Wir alle sind geliebte Kinder der Schöpfung. Die Erfahrungen, die wir auf unserem Lebensweg machen dürfen, sollen uns förderlich sein. Wir können daran wachsen, wenn wir ins Vertrauen finden. Ein auftretendes Problem ist darum überhaupt nicht gegen uns gerichtet. Denn sonst würde es besser formuliert als Contra-blem bezeichnet werden, da das Wort „contra“ übersetzt „gegen“ bedeutet. Schaut man ins Lexikon, so findet man unter dem Begriff Problem die nun schlüssige Erklärung „eine Herausforderung, die es zu lösen gilt“.

In diesem Sinne versteht sich die abschließende Geschichte:

Vor vielen Jahren hatte ein Jugendlicher auf einer Südseeinsel die pubertäre Idee, oben auf die Spitze einer kleinen Palme einen großen Stein zu legen. Dieser was so schwer, dass der Junge dachte, das Wachstum dieser Pflanze damit vollends verhindern zu können. Lange Zeit später besuchte der Junge, der nun ein reifer Mann geworden war, eher zufällig erneut diese Insel. Er erkannte den Strand und erinnerte sich etwas reumütig an die kleine Palme, die er damals mit dem Stein beschwert hatte. Eifrig suchte er herum und entdeckte schließlich tatsächlich den Baum., der nun der größte und stattlichste am ganzen Strand geworden war. Der Junge konnte ihn leicht erkennen, denn den großen Stein fand er mitten in der großen Baumkrone, weit oberhalb des Bodens.

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