Von Manfred Mohr
Schon seit alters her ist es eine schöne Sitte, dass Menschen zusammenfinden, um zu feiern, gemeinsamen Hobbys zu frönen oder um auf andere Weise miteinander gesellig zu sein. Dabei pflegt man die Gemeinschaft, findet Kraft und Zuspruch und fühlt sich in der Gruppe geborgen und geschützt. Vielleicht steigen auch in dir bei dieser Beschreibung archaische Bilder der frühen Menschen auf, die gemeinsam um ein wärmendes Feuer sitzen und gleichsam gebannt wie verzaubert fasziniert in die funkelnden Flammen blicken.
Dieser Zauber von Gruppen und Zusammenkünften bekommt nun aber in der neuen Zeit eine noch weitreichendere Bedeutung. Um ein Beispiel zu geben, schon seit vielen Jahren besuche ich regelmäßig eine Meditationsgruppe, die sich einmal im Monat trifft. Immer zu Jahresanfang machen wir die Termine für das nächste Halbjahr fest und überlegen, wer an diesem Abend die Gruppe anleitet. Denn, was ich ebenfalls sehr zeitgemäß finde, diese Gruppe hat keinen Chef, sondern es sind Gleiche unter Gleichen, die zusammenkommen, um sich in spiritueller Praxis zu üben. Dies kann Yoga, Arbeit mit Klangschalen, Visionssuche oder vieles andere sein. Immer ist aber eine halbe Stunde stille Meditation ein Teil dieses Abends. Ich erlebe diese Gruppentreffen immer als sehr nährend und förderlich für mein persönliches Wachstum. Schon in der Bibel wurde uns überliefert:
„Wo zwei oder mehr in meinem Namen zusammenkommen, da werde auch ich unter euch sein.“
Zusammenkünfte von Gleichgesinnten sind ein Phänomen der neuen Zeit. Darum möchte ich euch einladen, in ähnlicher Weise auch in eurem Umfeld solche spirituellen Gruppen ins Leben zu rufen. Eine vertraute Gruppe wärmt unser Herz. Hier teilen wir Erfahrungen, unterstützen uns gegenseitig und stehen einander bei. Wo wir in Empathie und Wohlwollen zusammenfinden, wächst unser Bewusstsein, unser Herz wird größer und wir erleben eine Intensität in der Gruppe, die alleine kaum erreicht werden kann. Unser Ich-Bewusstsein löst sich ein Stück weit auf und verschmilzt zu einem größeren Gefühl von Gemeinschaft. Denn immer, wenn wir uns in einer Gruppe mitteilen, über Gefühle und Erfahrungen reden, dann teilen wir dabei auch, was wir am meisten sind und was uns am meisten ausmacht: Liebe.
Die eigene Liebe ist dazu da, verschenkt zu werden. Und das gelingt uns auf sehr vielfältige Art und Weise. Jeder Einzelne von uns ist so durchdrungen von unserer Liebe, das wir sie selbst nicht erleben und spüren, da wir sie einfach ganz und gar sind. Wir finden in uns kein Gegenteil, kein Gegenüber, das als Spiegel dafür fungieren könnte. Darum brauchen wir andere Menschen, eine Gruppe, die uns sagen kann, wie unsere Liebe beim anderen ankommt. Eine Gruppe ist sozusagen ein Resonanzfeld, in der wir unsere Liebe durch den anderen erst wirklich erfahren können. Im Geben von Liebe finden wir zu uns.
Die Liebe wird mehr, je mehr du sie verschenkst. (Clemens von Brentano)
Liebe geht weit über den Einzelnen hinaus. Um die Liebe, die wir alle sind, zu werden, müssen wir sie verschenken. Um dies zu veranschaulichen, nehmen wir zum Beispiel eine Tasse, in der sich Wasser befindet. Die Tasse ist das Gefäß, Wasser ist sein Inhalt. Damit das Gefäß seine Bestimmung erfüllt, muss es das Wasser ausgießen, etwa beim Trinken oder beim Gießen von Pflanzen. In ganz ähnlicher Weise sind wir alle, jeder von uns, himmlische Gefäße für die Liebe. Jeder verkörpert dabei eine eigene besondere Art von Liebe, die seine spezifischen Eigenschaften und seine Persönlichkeit erst ausmachen. Jeder trägt einen besonderen Aspekt der Liebe Gottes in sich, um ihn mit Leben zu füllen.
Wir alle sind göttliche Wesen, die menschliche Erfahrungen machen möchten.
Jeder von uns hat ein Leben lang Zeit, sich über diese Bestimmung bewusst zu werden. Wir alle sind sinnbildlich mit einem Füllhorn von Liebe ausgestattet, das nur darauf wartet, seine vielfältigen Samen auf die Erde zu bringen. Ich denke dabei an das alte Bild des Sämannes, der im Frühling über den dafür vorbereiteten Acker schreitet und mit weitem Armwurf die Samen aus seinem Beutel auf den fruchtbaren Boden aufbringt, um reiche Ernte einzubringen.
Wir ernten, was wir säen. Die Liebe ist die Saat und die Liebe ist die Ernte.
Was geschieht aber, wenn die Tasse ihre Bestimmung als Gefäß nicht ausübt? Dann steht sie ein wenig sinnlos herum und das in ihr bereitstehende Wasser verdunstet mit der Zeit. Ihre eigentliche Funktion als Gefäß geht nun gänzlich verloren. In ähnlicher Weise ergeht es auch uns Menschen, wenn wir unser Dasein als Zweck, die Liebe auf die Welt zu bringen, nicht erkennen und mit Leben füllen. Wir fühlen uns dann irgendwie nutzlos und sind auf der ständigen Suche nach einem Sinn. Dies ändert sich zum Glück, sobald wir bewusst werden, ein kosmisches Gefäß gefüllt mit Liebe zu sein. Denn dann finden auch wir endlich Erfüllung. Wir finden zu uns selbst. Wir entdecken, was uns gänzlich ausfüllt: Liebe. Und beim Verschenken von Liebe an andere Menschen, zum Beispiel in Gruppen, fühlen wir uns gut.
Wenn ich Gutes tue, fühle ich mich gut. Wenn ich Schlechtes tue, fühle ich mich schlecht. Das ist meine ganze Religion. (Benjamin Franklin)
Wenn unser Bewusstsein an einem bestimmten Punkt unserer Entwicklung erkannt hat, das wir alle nur unterschiedliche Aspekte der einen Liebe sind, die den göttlichen Plan auf die Erde bringen möchte, dann bekommt unser Leben den Sinn, der uns vielleicht am meisten entspricht. Unsere Liebe wächst beim Verschenken unserer Gaben immer mehr, unser Herz wird immer größer und umfasst bald schon immer mehr Menschen. Schließlich wird unser Herz so groß, dass es seine Liebe mit der ganzen Welt teilen möchte. Im holistischen Bild verstehen wir uns dann als lebendigen Teil der gesamten Menschheitsfamilie. Jeder Einzelne von uns ist ein geliebtes Kind unserer himmlischen Eltern Heiliger Vater und Große Mutter. Und an diesem Punkt schließt unser Herz dann auch unsere himmlischen Eltern mit ein. Wir wachsen über uns selbst hinaus und wollen unser Glück teilen.
Wer glücklich ist, möchte auch andere glücklich machen.
Dann werden auch wir zu einem fruchtbaren Acker, bereit und offen dafür, dass der der Himmel seinen Samen in ihn wohlwollend hineingeben möchte. In Demut stellen wir uns dann als Instrument der Schöpfung zur Verfügung, damit der Himmel endlich sein kosmisches Lied auf uns zu spielen vermag, das schon so lange in uns heimlich klingt. Dann verbinden wir uns so oft wie möglich mit unserer göttlichen Führung, um zu spüren, welche Schritte wir jetzt als nächste tun sollten. Zum Wohle für alle.
Dies ist die Quintessenz unserer neuen Zeit. Jeder von uns, der das Füllhorn seiner Liebe ausschüttet und teilt, bringt uns alle ein Stück weit hin zu diesem großen Ziel. Die Liebe, die wir sind, können wir nur werden, wenn wir sie den anderen zuteilwerden lassen. Denn genau dazu haben wir sie alle vom Himmel geschenkt bekommen. Sie ist der Samen, der auf dem Acker unseres Lebens wachsen soll, um alle anderen zu erfreuen und um uns dabei selbst glücklich zu machen.