Artikel für das Engelmagazin: Bist du auf deinem richtigen Weg?

Immer wieder bekomme ich die Gelegenheit, mich mit Menschen unterhalte zu dürfen, die innerlich sehr daran zweifeln, momentan wirklich auf ihrem richtigen Lebensweg unterwegs zu sein. Sie äußern dann vielerlei Bedenken, nicht genug für ihr persönliches Wachstum zu tun. Und sie berichten von einem untrüglichen inneren Gefühl, irgendwo tief in ihnen drin nage ein ruheloser Skeptiker ständig an ihrem Selbstwert. Was sie auch tun, welche Bücher sie auch lesen, welches Seminar sie auch besuchen, in ihnen entsteht der fest zementierte Eindruck, nichts und niemand kann diesen mangelnden Glauben an sie selbst erschüttern. Oft mündet diese Bekenntnis dann in der versteckt oder offen formulierten Frage, was der spirituelle Weg uns denn eigentlich bringt.

Wie bei vielen der großen Fragen, die uns das Leben stellt, gibt es bei dieser Fragestellung selbstverständlich eine ganze Anzahl an Antworten. Zum Thema Lebensweg erinnere ich mich gerne an einem Mann, der mich in einer Seminarpause zur Seite nahm und sehr eindringlich fragte: „Manfred, wie finde ich meinen Lebensweg?“ Er hatte die fast schon verzweifelt anmutende Überzeugung, etwas tun zu müssen, sonst fände er seinen Weg nicht und sein Leben wäre umsonst.

Ob dieser Ernsthaftigkeit, mit der er mir diese Frage stellte, musste ich unwillkürlich schmunzeln. Natürlich entschuldigte ich mich sogleich dafür und erwiderte:

Vielleicht musst du ja gar nichts tun. Vielleicht findet dein Lebensweg dich.

Der Mann sah mich mit großen Augen erwartungsvoll an. Das sollte ich ihm jetzt aber noch etwas genauer erklären. Meiner Erfahrung nach ist der wahrscheinlich wachstumsorientierteste Aspekt des Resonanzprinzips, das jedes innere Lebensthema, das wir als Seele auf diese Erde mitbringen, sich in unserem Außen widerspiegelt. Das Universum hat dies wirklich sehr geschickt eingefädelt. Das bedeutet, wir müssen unser Lebensthema, das untrennbar mit unserem Lebensweg und unserer Lebensaufgabe verknüpft ist, nicht suchen und auf der Suche nach ihm ständig herumrennen und denken, etwas tun zu müssen. Nein, sondern:

Unser Lebensthema rennt uns stattdessen sinngemäß selbst ständig hinterher.

Unser Lebensthema spiegelt sich unablässig in den Menschen, denen wir täglich begegnen. Unser Thema färbt unsere Energie ein und strahlt aus uns heraus: Aus unseren Augen, aus unseren Herzen und aus unserem ganzen Sein. Ohne es zu wirklich zu wollen und tatsächlich ohne, dass wir etwas aktiv dafür tun müssten. Durch das Gesetz der Resonanz spüren die anderen Menschen um uns herum dieses Feld, das uns umgibt und auf sie einwirkt. Und genau so kommt es darum in unserem Leben immer wieder zu Situationen, in denen wir mit genau diesem Thema auf genau unserem Lebensweg konfrontiert werden. Carl Gustav Jung hat dies erkannt und dieses Lebensthema, dem wir immer wieder begegnen, als unseren „Schatten“ bezeichnet.

Schattenseiten, die du ablehnst, werden dein Schicksal. (Carl Gustav Jung)

Dieses Zitat ist das vielleicht wichtigste, wenn es um den Lebensweg und den Sinn des Lebens geht. Denn es zeigt, wie unmöglich es ist, vor unserem Schatten, also unserem Lebensthema, davonzulaufen. Denn der Schatten folgt uns, wohin wir auch gehen. Auf diese Weise werden wir ihn nicht los. Aber dieses Zitat zeigt uns netterweise auch den Lösungsweg. Drehen wir diesen Satz um, so folgt: Wenn ich meine Schattenanteile annehme, dann verändere ich mein Schicksal und verbessere damit meinen Lebensweg. Denn all die Probleme, die mein Schatten bisher verursacht hat, bleiben mir dann in Zukunft erspart.

Vielleicht wachsen wir am meisten im Nicht-Handeln. Im taoistischen Tun im Nicht-Tun.

Blinder Aktionismus schadet nur. Weil wir wie ein Hamster Zeit unseres Lebens ständig in unserem Hamsterrad herumlaufen, weil wir denken, unablässig Leistung erbringen zu müssen, ist uns dies so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir auch spirituelles Wachstum an irgendeiner undefinierten aber bitteschön bald zu erbringenden Leistung festzumachen versuchen. Fest steht auf jeden Fall, der Hamster dreht sich im Hamsterrad nur um sich selbst. Er kommt dabei kein Stückchen voran. Und er kommt folglich seinem Ziel damit auch keinen Schritt näher. Dieses Verhalten erinnert mich stark an einen Ausspruch von Paul Watzlawick, der in seinem Buch „Anleitung zum Unglücklichsein“ geschrieben hat:

Wenn du als einziges Werkzeug einen Hammer hast, sieht jedes Problem wie ein Nagel aus.

Persönliches Wachstum findet in uns selber statt. Wo sonst könnte es geschehen? Es passiert, wenn wir nach innen gehen, wenn wir uns spüren. In der Eile und in der Hast ist dies unmöglich. Denn in diesen Momenten sind wir nicht bei uns. Wir spüren uns nicht. In gewisser Weise laufen wir auf diese Weise vor uns selber fort, in dieser unablässigen Aktivität. Zur Ruhe zu finden wäre stattdessen eine lohnenswertere Übung. Um dabei bei uns selbst anzukommen. Wir wachsen innerlich in ganz ähnlicher Art, wie man einen Fisch fängt. Wir werfen die Angel aus. Setzen uns ruhig hin. Wir warten. Wir werden ruhiger. Wir üben uns in Geduld. Wir beobachten den Augenblick. Wir genießen den Moment. Wir erkennen den Weg als Ziel.

Du musst dich nicht bewegen, um den Fisch zu fangen. Der Strom des Lebens bringt den Fisch von ganz alleine hin zu dir.

Beim Begriff Fisch kommt mir die Bibel in den Sinn, in der Jesus als großer Menschenfischer beschrieben wird. Auch von ihm wird dort berichtet, manchmal voller Zweifel gewesen zu sein, seinen richtigen Weg zu gehen. Jeder kennt wohl seinen überlieferten Ausspruch „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wenn selbst er gehadert hat, dann sollten auch wir uns solche Augenblicke der Verlorenheit zugestehen. Wir sind, so wie er, letzten Endes alle nur Menschen, die dem Auf und Ab des Lebens unablässig ausgeliefert sind. Und nur, wenn wir uns unserer Schwächen wirklich bewusst werden, wenn wir sie uns eingestehen und zugestehen, können wir wachsen. Vielleicht will uns genau dies Jesus mit diesem Ausspruch übermitteln.

Wenn wir denken, am wenigsten zu wachsen, wachsen wir am meisten. Jede bewusste Selbsterkenntnis bringt uns weiter nach vorn.

So lasst uns Gelegenheiten suchen, bei denen wir still werden können, um uns bewusst zu sein. Setzen wir uns an einen See auf eine Bank, betrachten das Wasser und werfen innerlich unsere Angel aus. Suchen wir in der Mediation innere Plätze der Ruhe, um bei uns selbst anzukommen. Entdecken wir uns, innerlich, so wie ein kleines Kind die äußere Welt entdeckt. Betreiben wir Selbsterkenntnis mit den unvoreingenommenen Augen eines Heranwachsenden. Überraschen wir uns selbst, bei dem, was wir dort entdecken. Entwickeln wir Freude am Prozess unseres persönlichen Wachstums und verschmelzen dabei voll und ganz mit dem Zauber des aktuellen Augenblicks. Lernen wir wieder zu spielen, so wie ein Kind, beim Entdecken unseres individuellen Lebensweges. Die Bibel sagt nicht von ungefähr:

Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.