Irgendwann auf unserer individuellen spirituellen Reise, die wir Leben nennen, kommt wohl jeder von uns an den einen ganz besonderen Punkt, wo wir uns die Frage stellen: Wo sollte ich anderen Menschen gegenüber, mit denen ich manchmal so meine Probleme habe, Grenzen setzen und klar Nein sagen? Und wo sollte ich in solchen Momenten stattdessen im buddhistischen Sinne meine Widerstände loslassen und den anderen Menschen einfach annehmen, wie er nun einmal ist? Je nach vorliegendem Charakter, den jeder von uns gottgegeben mitbringt, mag entweder das eine oder das andere Verhalten uns recht schwerfallen. Schauen wir uns die beiden Möglichkeiten doch einmal näher an, wobei ich den Schwerpunkt auf die Annahme legen möchte.
Menschen, die eher zurückhaltend und introvertiert sind, tendieren meist zum Rückzug, wenn sie im Außen auf einen durchsetzungsfähigen Typus stoßen. Für sie kann es eine regelrechte Herausforderung sein, ihre Komfortzone zu verlassen und aktiv Grenzen zu setzen, um ihre Bedürfnisse zu bewahren. Für mich ist es die Meisterprüfung in Sachen Selbstliebe, Rückgrat zu zeigen und Neinsagen zu erlernen, vor allem, wenn ich einer Menschenart angehörte, der dies zugegebenermaßen schwerfällt.
Ganz oft zeigt sich ein Ja zu mir in einem Nein zu dir.
Gehöre ich aber im Gegensatz dazu zu einer mehr extrovertierten und daher offensiveren Art Mensch, dann gelingt mir das Abgrenzen vielleicht eher mühelos. Dann kann die Lernaufgabe darin liegen, mein Kämpferherz einmal nicht zu zeigen und mehr Gelassenheit an den Tag zu legen. Dann lasse ich auch einmal Fünfe gerade sein und akzeptiere eine für mich schwierigen Person, ohne diesmal Dampf abzulassen. Dann nehme ich diesen Menschen einfach so an, wie er nun einmal ist. Vordergründig verhalte ich mich in dieser Variante zunächst einmal passiv.
In diesem taoistischen Nicht-Handeln liegt nun aber eine verborgene Kraft, die auf den ersten Blick vielleicht zunächst einmal gern übersehen wird. Wenn es mir gelingt, den anderen Menschen in seinem Verhalten immer mehr anzunehmen, dann kämpfe ich nicht mehr gegen seine Unart oder Charakterschwäche und gebe keine Energie mehr hinein. Durch meine Fokussierung auf seinen Fehler lenke ich meine Aufmerksamkeit und Energie dummerweise nämlich genau dorthin, und gebe dieser Schwäche somit auch noch zusätzlich Nahrung. Ich fördere also insgeheim sogar eine Eigenschaft am anderen Menschen, die ich im Grunde gern verändern würde.
Der andere Mensch, dein Partner, er bleibt wie er ist, bis du ihn akzeptierst. (Chuck Spezzano)
Akzeptanz wird in ihrer innewohnenden Kraft wohl leider sehr oft unterschätzt, da man sie nur allzu gern fehlinterpretiert. Wenn ich sage, es ist OK für mich, wie du bist, ich nehme dich so an und akzeptiere dich, dann muss ich diese bestimmte Art, wie du bist, zum Beispiel deine Unart, nicht lieben oder sogar ganz toll finden. Es genügt bereits, wenn ich sage, das ist eben ein Teil von dir, so bist du nun einmal. Dann bin ich in Frieden damit. Ich kämpfe innerlich dann nicht mehr gegen diese Charakterzüge von dir, die mich früher vielleicht genervt haben. Ich verspüre auch keine Ablehnung oder Groll mehr gegen dich, wenn du diese Unart mir gegenüber zeigst. Denn du hast auch eine Menge positiver Eigenschaften, die ich sehr an dir schätze. Und im Spiel von Licht und Schatten musst du eben dann gewisse gegenteilige Charakterzüge mitbringen, die ich dann weniger mag. So funktioniert die Dualität nun einmal.
Genau genommen habe ich ja auch an mir einige Wesenszüge, die ich ganz für mich alleine ebenfalls an mir nicht so wirklich toll finden. Bestimmte Eigenheiten gefallen mir an mir selbst ebenfalls nicht. Wie sollte ich also alle Wesenstele an dir gut und richtig finden können? Spiegelst du doch im immerwährenden Ränkespiel der Projektionen immer auch die Rolle, für mich meine eigenen Arten zeigen zu müssen. Die guten wie die weniger angenehmen. Dies wird mir nun zunehmend bewusst.
Menschliche Größe besteht nicht in Reichtum oder Macht, sondern in Charakter und Güte. Menschen sind einfach Menschen und alle haben Fehler und Mängel, aber wir sind alle mit einer grundlegenden Freundlichkeit geboren. (Anne Frank)
Annahme hat auf einer höheren Ebene dann noch die Facette, dass sie mich aus meiner Opferhaltung dem Leben gegenüber erlösen kann. Wenn ich mich frei mache von meinen Erwartungen und meinen Prägungen, dann wird mir irgendwann bewusst, wie sehr ich selbst auf mein Leben und seine Geschehnisse Einfluss nehme. Wenn ich die simple Gleichung „Wie innen, so außen. Und wie außen, so auch im Innern“ zu Ende denke, dann habe ich immer durch meine innere Welt, meine Gedanken und Gefühle, eine Wirkung auf meine äußere Welt. Dann hängt alles mit allem zusammen, weit entfernt von meinem Verstand und ich werde mir meiner Verantwortung bewusst: „Wie ich in den Wald hineinrufe, so schallt es zurück.“ Die Kunst der Annahme kann dann zum Meisterweg für mein persönliches Glück werden.
Je mehr ich mir meiner Selbst bewusst werde, um so mehr wächst auch mein Selbstbewusstsein.
Und mit dem steigenden Selbstwert und der zunehmenden Selbstliebe entsteht dann in mir etwas, dass ich gern mit dem Begriff Selbstverantwortung umschreiben möchte. Ich erkenne in zunehmendem Maße, Schöpfer meiner Welt und meiner Wirklichkeit zu sein. Ich sehe die Welt nun mit anderen Augen. Meine Rolle, die ich in meinem Lebensstück seit meiner Geburt spiele, wandelt sich vom ständigen Opfer, das ein wehrloser Spielball eines willkürlichen Schicksals zu sein scheint, hin zum mitwirkenden, gestaltenden Schöpfer meiner Welt. Dann übernehme ich die Verantwortung, auch für die unangenehmen Vorkommnisse in meinem Leben. Ich nehme die schwierigen Menschen an, ebenso wie die herausfordernden Situationen. Ich sehe mich als wirksamen Teil des Ganzen und finde dann endlich zu meinen Möglichkeiten, auf meine Zukunft formend und verändernd eingreifen zu können.
Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. (Reinhold Niebuhr)
Ich betrachte dann mein Leben mit den neugierigen Augen eines Künstlers, der zum ersten Mal sein neues Werk betrachtet. Was gefällt mir daran gut, was weniger gut? Es ist dann weniger eine Kritik am Kunstwerk, eher eine wohlwollende Bestandsaufnahme. In ähnlicher Weise, wie ein Vater die ersten Malversuche seines halbwüchsigen Sprösslings betrachtet. Ja, das ist schon sehr gut, nur hier und da könnte noch etwas daran gefeilt werden. Die ersten Schritte sind beim Erlernen unserer Fähigkeiten anfangs immer etwas holprig und erst mit einer gewissen Erfahrung setzen wir dann unsere Füße sicher und fest auf den Boden auf.
Annahme hat dann schließlich auf seiner höchsten Ebene damit zu tun, unser Leben insgesamt als Gesamtkunstwerk anzusehen, das unser Schöpfer jeden Tag aufs Neue nach seinem Gusto verwandelt und verändert. Unser Leben ist sicherlich weit davon entfernt, vollkommen zu sein. Und nur in diese fortwährende Unvollkommenheit hinein kann das ständige Erschaffen des Neuen gelingen. Wäre die Welt ideal und vollkommen, so enthielte sie nicht das Füllhorn an Möglichkeiten, das sich uns Zeit unseres Lebens bietet. Denn die Vollkommenheit ist schon perfekt und benötigt darum keine weitere Verbesserung mehr. Wie sollte dann das Spiel unseres Lebens weitergehen, das doch auf dieser ständigen Erneuerung beruht? Wäre die Welt vollkommen, so hätte das ewige Stirb-und-Werde plötzlich keinen Raum mehr. Und wir könnten uns nicht als das erfahren, was jeder von uns, jeder Mensch, tief in seinem Wesenskern nun einmal ist: selbstverantwortlicher Schöpfer seiner Wirklichkeit.
Halt an, wo läufst du hin, der Himmel ist in dir: Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für. (Angelus Sibelius)